Erste Kreuzwegstation

Jesus wird zum Tode verurteilt

Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. (Jes 53,7)

Jeschua aus Nazaret, Jude, Mitte 30, Bauhandwerker. Angeklagt wegen Gotteslästerung, steht er vor seinen Richtern, vor Hannas, Kajafas und vor Pilatus schließlich, dem Chef der römischen Militärregierung. Allein. Ein paar Einflussreiche im Hohen Rat fordern die Verhängung der Todesstrafe. Zu radikal würden sie umdenken und das ganze religiöse System verändern müssen, wenn dieser Galiläer mit seiner Gottessicht zum Zuge käme. „Was hast du getan?“, fragt Pilatus den Angeklagten. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ – „Was ist Wahrheit?!“ Abschätzig klingen die Worte im Mund des Römers. Er unternimmt einen ernsthaften Versuch, nach Recht zu handeln, aber aus politischem Kalkül gibt er den Anklägern nach (Jh 18,37 -38).

Du stehst vor Gericht, Jesus.
Würde ich jetzt an all die Menschen denken, denen es heute ergeht wir dir,
an all die Opfer verblendeter und irregeleiteter Justiz in der Welt;
würde ich jetzt an mich denken,
an ähnliche Situationen vor meinen Richtern und an die Stunden, in denen ich,
wie du, ungerechtes Urteil erfahren muss
- ich ließe dich allein.
Nur zum Spiegel des Unrechts und zum Prototypen der Entrechteten würde ich dich machen.
Allein bliebst du in deiner Einsamkeit, unverstanden, ausgegrenzt mit der Wahrheit in deinem Herzen, für die du gekommen bist zu den Richtern und den Gerichteten. – Und ich ginge leer aus. Nur den Trost hätte ich, dass auch du leiden musstest.
„Aus der Wahrheit“ möchte ich sein, um deine Stimme zu hören, die in Galiläa sprach und in Jerusalem und deutlicher nicht sprechen konnte als im Verstummen vor Pilatus, unterwegs nach Golgota und unter den Qualen am Kreuz.
Hören will ich und mich einfühlen in dich – auch wenn nichts mich so herausfordert wie die Wahrheit in dir.


Fotos Angie Weiss


Die Texte sind mit freundlicher Genehmigung des St. Benno-Verlages dem Buch von Reinhard Körner, Unterwegs mit dir, Jesus, Ermutigungen zur Nachfolge, ISBN 978-3-7462-2183-0 entnommen.