Zweite Kreuzwegstation

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzen ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. (Jes 53,33f)

Kurzer Prozess. Ans Kreuz!
Hinaus mit ihm aus der Stadt, dorthin wo die Pfähle stehen für Leute wie ihn:
Diebe, Mörder, Volksaufwiegler, Unruhestifter, Gefährliche!
Eine der schmählichsten Hinrichtungsarten, die menschliche Folterfantasie sich ausgedacht hat, erwartet ihn. Sie laden ihm den Balken, mit dem man ihn an den Pfahl hängen wird, auf die Schultern. Das Querholz für den Querdenker.
Dann treiben ihn die Soldaten voran „hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf hebräisch Golgota heißt“ (Joh 9,17). Ein wirkungsvolles Schauspiel in den Tagen vor dem Paschafest, mitten in der von tausenden Pilgern bevölkerten Tempelstadt: Selbst seine Freunde reißen aus. Und allen Gutgläubigen im Volk dürfte jetzt klar sein: Der Messias war der nicht! Gott hat sich von ihm distanziert, denn es heißt ja im Gesetz: „Ein am Pfahl Gehenkter ist ein von Gott Verfluchter“ (Dtn 21,23)


Warum hat Gott das zugelassen?
Immer wieder diese Frage, wenn himmelschreiendes Unrecht geschieht.
Sie drängte sich auch damals auf, umso mehr, da es dich betraf, Jesus, einen gotterfüllten, wie keiner einer war!
Du – ein von Gott Verfluchter?
Sie fanden Antworten.
Gott habe an dir die Strafe vollzogen, die wir Menschen verdienen, oder: Du selbst hättest die Hinrichtung gewollt, als Lösegeld an Gott für unsere Vergehen…
doch die Frage war falsch, ist falsch geblieben bis heute.
Und auf falsche Fragen kann es keine richtigen Antworten geben.
Weder du noch dein Gott haben das Kreuz gewollt. Sein und dein Wille waren nur eines: uns zu befreien von Gottesangst und Menschenverachtung – mit der Herausforderung, radikal auf die Liebe zu setzen.

Die Frage heißt: Warum haben Menschen dich hingerichtet? Warum richten noch immer Menschen ihre Mitgeschöpfe hin? Warum sind wir überfordert, uns herausfordern zu lassen zur Liebe?
- Dein Kreuz hält die richtige Frage gefährlich wach.

Fotos Angie Weiss


Die Texte sind mit freundlicher Genehmigung des St. Benno-Verlages dem Buch von Reinhard Körner, Unterwegs mit dir, Jesus, Ermutigungen zur Nachfolge, ISBN 978-3-7462-2183-0 entnommen.