Sechste Kreuzwegstation

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen; sei mir gnädig, und erhöre mich! Mein Herz denkt an dein Wort: „Sucht mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir… (Ps 27,7-9)

Die Veronika-Legende aus dem 12. Jahrhundert war sehr bekannt im Mittelalter.
Und das „wahre Antlitz Jesu“, das sich in ein Schweißtuch gezeichnet haben soll, gehörte zu den beliebtesten Motiven in der spätgotischen Kunst. Als Andachtsbild, als Buch- und Tafelmalerei oder als Glasfenster über Kirchenportalen war es weit verbreitet und prägte das Christusbild jener Zeit.
(Die östlichen Kirchen kannten, länger schon, ähnliche Legenden und verehrten Tuch-Ikonen mit dem Antlitz Jesu.) So lag es nahe, die vertraute Erzählung auch als Kreuzwegstation darzustellen und zu meditieren. Wichtiger als die Frage nach der historischen Wahrheit in der Veronika-Legende ist die tiefe Sinnaussage dieser Erzählung: Hinter dem Kreuzesgeschehen verbirgt sich ein konkretes Gesicht!
Hinter dem Namen Jesus Christus ist ein lebendiger Jemand. Ein „wahres Antlitz“ schaut uns an.


Vor Gericht:
Einer unter vielen an jenem Tag. Auf dem Weg zur Hinrichtung auf Golgota einer unter Hunderten Jahr für Jahr. Für die Vorübereilenden in den Gassen: wieder einer, den es erwischt hat. Unter den Gepeitschten und Gequälten: einer unter Millionen in dieser Welt.
Ein Fall.
Du hast ein Gesicht, Jesus!
In der Kreuzwegandacht:
er hat gelitten, er wurde gekreuzigt, damals.
Im Gottesdienst:
„Christus, erhöre uns!“, gedankenlos.
Im Glaubensbewusstsein:
Weltanschauung, Lehre der Kirche.
Ein heiliger Name.
Du hast ein Gesicht, Jesus!
Du, der von damals,
bist heute
und schaust uns zu…
und schaust mich an:

Ich bin wer für dich, ich habe ein Gesicht in deinem Antlitz, du.


Fotos Angie Weiss
Die Texte sind mit freundlicher Genehmigung des St. Benno-Verlages dem Buch von Reinhard Körner, Unterwegs mit dir, Jesus, Ermutigungen zur Nachfolge, ISBN 978-3-7462-2183-0 entnommen.