IX. Kreuzwegstation

Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Ich bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.
Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf: „Er wälze die Last auf den Herrn, der soll ihn befreien! Der reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat.“ – Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, mich barg an der Brust der Mutter. Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott! (Ps 22,7-11)


Keine weiteren Vorkommnisse. Bald wird der Kreuzigungshügel erreicht sein. Lukas vermerkt noch: „Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt“ (23,32), ansonsten erzählt die Bibel nichts mehr über die letzten Schritte Jesu durch die Gassen Jerusalems. Aber die Kreuzwegbeter machen noch einmal Station. Vor den Augen des Herzens sehen sie Jesus zum dritten Mal niederfallen. Der schwerste Sturz. Die dritte Ursache seines Leidens: Er selbst – und sein Gott!
Es hätte nicht so weit kommen müssen. Wäre er in Galiläa geblieben, oder hätte er, wenigstens hier am Tempel seine Worte etwas diplomatischer verpackt – niemand hätte geschrien: „Ans Kreuz mit ihm!“ Meinungen über Gott und die Religion gab es viele, auch seine hätte Platz gehabt in Israel.

Aber er war aufs Ganze gegangen für seinen Gott. Mit seinem Gott.


Du selbst hast dir´s eingebrockt. Du hast gewusst, was Anstoß erregt, du kanntest die Grenzen, die nicht überschritten werden durften. Du wusstest, in welche Gefahr du dich begibst. Du kanntest die Gepflogenheiten und du kanntest die Menschen.
Du kanntest sie. Alle.
Man kann ihren Fangfragen ausweichen und ihre Argumente der Torheit überführen; man kann hinweggehen aus ihrer Mitte und sie stehen lassen in ihrer Verbohrtheit; man kann in den Sand schreiben, wie teilnahmslos, und sie sich selbst das Urteil sprechen lassen; man kann den Staub von den Füßen schütteln gegen sie; man kann – einfach verstummen, schweigen vor ihrem Unverstand; man kann sie traurig anschauen und weinen über ihr Jerusalem…
Aber man kann nicht nur halb leben mit deinem Gott. Mit solch einem Gott nicht.


Fotos Angie Weiss
Die Texte sind mit freundlicher Genehmigung des St. Benno-Verlages dem Buch von Reinhard Körner, Unterwegs mit dir, Jesus, Ermutigungen zur Nachfolge, ISBN 978-3-7462-2183-0 entnommen.